Valikom Transfer Mit Fleiß und Ehrgeiz zum eigenen Salon

Als Nadezhda Schell aus Sibirien nach Deutschland zieht, träumt sie von einem eigenen Friseurladen. Das Projekt Valikom Transfer wird für sie zum Türöffner. Aus dem Regionalteil der DHZ von Yvonne Bachmann.

Nadezhda Schell (r.) bei ihrer Valikom-Bewertung im Jahr 2019. Von der Handwerkskammer Halle wurden ihr alle Kompetenzen einer Friseurin anerkannt.
Nadezhda Schell (r.) bei ihrer Valikom-Bewertung im Jahr 2019. Von der Handwerkskammer Halle wurden ihr alle Kompetenzen einer Friseurin anerkannt. Foto: T. Schneider

Sie hat es fast geschafft! Es fehlt nur noch der positive Bescheid vom Bauordnungsamt, dann kann sich Nadezhda Schell endlich ihren großen Wunsch erfüllen: einen eigenen Friseursalon. Rund fünf Jahre lang hat sie auf die Selbstständigkeit hingearbeitet, viel Schweiß und Mühe in ihre Weiterbildung investiert. Nun wird die 40-Jährige bald ihr eigenes Geschäft eröffnen.  Als Nadezhda Schell im Jahr 2018 von Russland nach Deutschland zieht, merkt sie schnell, dass das System hier anders ausgelegt und eine Selbstständigkeit an bestimmte Bedingungen geknüpft ist. Die erste Hürde: Sie besitzt keine in Deutschland anerkannte Friseurausbildung. „Ich bin im Norden von Sibirien aufgewachsen, zwei Stunden vom Nordpol entfernt. Dort habe ich eine Ausbildung als Lehrerin absolviert und vier Jahre unterrichtet“, erzählt Nadezhda Schell. Aber dann sei bei ihr der Wunsch nach Veränderung entstanden. Sie habe etwas für ihre Seele tun wollen.

Umzug für die Liebe

Es folgt der Umzug in die weiter südlich gelegene Stadt Krasnojarsk. Die junge Russin interessiert sich für den Friseurberuf und entscheidet sich für einen einjährigen Kurs, in dem sie das Handwerk erlernt. Anschließend arbeitet sie in einem Salon als Friseurin und Kosmetikerin sowie selbstständig als Make-up Artist und Friseurin für nationale Tanz-Wettbewerbe. Neben der Arbeit lernt sie am Goethe-Institut Deutsch und trifft auf einen Deutsch-Italiener, der in Krasnojarsk arbeitet und wiederum die Russische Sprache erlernen möchte. Sie werden ein Paar und wohnen bereits zusammen, als Nadezhda Schells Partner beruflich nach Leipzig versetzt wird. So ziehen 2018 beide in die sächsische Großstadt.

Wer die Kompetenzen eines Berufes und einschlägige Berufserfahrung nachweist, kann seine Fähigkeiten von Berufsexperten bewerten und zertifizieren lassen.

Ulrike Thomas, Mitarbeiterin Projekt ValiKom Transfer

Um hier ihren Traum von der Selbstständigkeit wahrwerden zu lassen, muss Nadezhda Schell neu planen. Zuerst absolviert sie auf eigene Initiative diverse Fortbildungen im Friseurbereich. Dann kontaktiert sie die Handwerkskammer Dresden und erhält den Kontakt zu Ulrike Thomas, die bei der Handwerkskammer Halle arbeitet und dort im Rahmen des Projekts „Valikom Transfer“ berufliche Fähigkeiten anerkennt. „Wer die Kompetenzen eines Berufes und einschlägige Berufserfahrung nachweist, kann seine Fähigkeiten von Berufsexperten bewerten und zertifizieren lassen“, erklärt Ulrike Thomas.

Für Nadezhda Schell eine gute Gelegenheit. Mit Denise Sehm-Stegemann, damalige Ausbildungsleiterin der Friseurmeisterschule der Handwerkskammer und Bewerterin im Projekt ValiKom Transfer, bespricht sie, welche Kompetenzen für die Anerkennung infrage kommen. Danach bereitet sich die Leipzigerin intensiv auf den Tag der Bewertung vor – und meistert ihre Aufgaben mit Erfolg. Weil Nadezhda Schells Kompetenzen denen gleichwertig sind, die ausgebildete Friseure in Deutschland besitzen, erhält sie im Rahmen der Bewertung eine volle Anerkennung. Nun ist der Weg frei für die Meisterausbildung an der Handwerkskammer Halle.

Für ihre Meisterprojektarbeit stylte Nadezhda Schell zwei Modelle im 30er-Jahre-Stil. Das männliche Model wurde geschnitten und frisiert, das weibliche gefärbt, geschnitten und frisiert.
Für ihre Meisterprojektarbeit stylte Nadezhda Schell zwei Modelle im 30er-Jahre-Stil. Das männliche Model wurde geschnitten und frisiert, das weibliche gefärbt, geschnitten und frisiert. Foto: privat

Die fachspezifischen Teile 1 und 2 bereiten der Friseurin keine Probleme. Obwohl sie den Meisterkurs in Vollzeit absolviert, arbeitet sie nebenbei in einem Friseursalon in Halle, um Erfahrungen zu sammeln. „Ich wollte wissen, was die Menschen in Deutschland von ihrem Friseur erwarten, welche Frisuren sie tragen, und ob die Techniken unterschiedlich sind“, erklärt Nadezhda Schell.

Für ihre Meisterprojektarbeit geht Nadezhda Schell fachlich auf Zeitreise: „Ich hatte das Thema Großer Gatsby und habe zwei Modelle im 20er-Jahre-Stil frisiert und gestylt. Es lief super gut“, berichtet sie.

Fokus auf die Meisterschule

Als der betriebswirtschaftliche Teil der Meisterausbildung beginnt, entscheidet sie sich dazu, den Job zu kündigen und sich nur auf die Meisterschule zu konzentrieren. Das neue Wissensgebiet und die Fachwörter in der deutschen Sprache zu erarbeiten ist eine Herausforderung. Doch Nadezhda Schell nimmt sie an. Lektion für Lektion kämpft sie sich durch diesen Teil der Ausbildung, nimmt sogar Nachhilfe – und schafft es so, Teil 3 (Betriebswirtschaft, kaufmännische und rechtliche Kenntnisse) und auch Teil 4 (Berufs- und Arbeitspädagogik) zu absolvieren.

Ihre damalige Ausbildungsleiterin Denise Sehm-Stegemann ist voller Lob für ihre ehemalige Schülerin: „Ich habe selten so eine fleißige und enorm disziplinierte Meisterschülerin erlebt. Bei Nadezhda Schell standen die Modelle Schlange, weil sie unbedingt zu ihr wollten. Wie die meisten anderen Friseurinnen aus Russland ist sie wirklich sehr gut ausgebildet.“  Seit dem 28. Juli 2022 ist Nadezhda Schell offiziell Friseurmeisterin. Nun stehen ihr viele Wege offen, auch der zum eigenen Salon. Und der nimmt jetzt gerade schon Gestalt an. Sobald das Bauordnungsamt den Bescheid schickt, kann es endlich losgehen. Bis dahin besucht Nadezhda Schell ihre Kunden noch zu Hause.

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